Hessen Logo Landgericht Wiesbaden hessen.de| Inhaltsverzeichnis| Impressum| Hilfe

Anmelden

Errichtung des heutigen Gerichtsgebäudes


Auch wenn die in Wiesbaden ansässigen Gerichtsbehörden nach dem Inkrafttreten des Gerichtsverfassungsgesetzes im Jahre 1879 durch den Wegfall des Appellationsgerichts neue Räume hinzu bekamen, konnten die nunmehr genutzten Gebäude in der Markt- und Friedrichstraße in keiner Weise den bedeutend gewachsenen Anforderungen genügen.
Nach und nach war es in den alten Räumlichkeiten zu völlig unhaltbaren Zuständen gekommen, "die zumeist das Gegenteil von dem waren, was die Würde der Justiz erheischt". Allein die hygienischen Zustände waren katastrophal. Für die Gebäude gab es damals keine ausreichende Kanalisation, so dass die damals hierfür zuständige "Wiesbadener Düngeausfuhr-Gesellschaft" in immer kürzeren Abständen den Abtransport der Fäkalien besorgen musste, was jedes mal eine unzumutbare Belästigung für das Publikum und die Beamtenschaft war. Die sanitären Missstände führten auch zu mehrfachem Einschreiten der Ordnungspolizei.
Ein Neubau für die Justizbehörden war auch unter diesem Gesichtspunkt nicht mehr zu umgehen.

Bereits beim Erwerb des Grundstücks für das neue Kreisgefängnis an der Albrechtstraße war ein so großes Gelände angekauft worden, dass in unmittelbarer Nähe auch ein Bauplatz für die Errichtung eines neuen Land- und Amtsgerichtsgebäude vorhanden war. Dieser, für 50.000 Mark erworbene Bauplatz schloss unmittelbar mit seiner Südseite an das Gefängnisgrundstück an und wurde östlich von der Moritz-, westlich von der Oranienstraße und nördlich von einer kurz zuvor eröffneten, 15 Meter breiten Straße (der heutigen Gerichtsstraße) begrenzt.
Der Entwurf des aus einem Mittelbau und zwei Seitenflügeln bestehenden Gebäudes wurde nach Skizzen des Königlichen Baumeisters Büttner vom Geheimen Oberbaurat Noht im Ministerium der öffentlichen Arbeiten in Berlin gefertigt.
Während des Baues wurde der Plan dann von dem Königlichen Regierungsbaumeister Wickop mehrfach im Interesse mannigfacher Verbesserungen erheblich umgearbeitet. Wickop hatte bis zu seiner Berufung als Lehrer an die Technische Hochschule in Darmstadt im Oktober 1895 die Bauleitung, ab diesem Zeitpunkt war Regierungsbaumeister Bolte verantwortlich. Die Oberleitung für den Bau lag in den Händen des Königlichen Kreisbauinspektors Baurat Helbig.

Bereits im Frühjahr 1893 wurde mit der Einrichtung des Baubüros begonnen und im November des gleichen Jahres waren schon die Fundamente fertiggestellt. Das Baubüro hatte sich sogar einen eigenen Stempel fertigen lassen. Im Frühjahr 1894 konnte mit der eigentlichen Bauausführung begonnen werden und schon Ende dieses Jahres war der Bau bis zum Dach fortgeschritten, so dass Richtfest gefeiert werden konnte. Die endgültige Fertigstellung und Innenausstattung des Gebäudes zog sich dann bis in das Frühjahr 1897 hin. Am 01. April 1897 konnte das Gebäude feierlich dem Landgerichtspräsidenten übergeben werden.

Gesamtansicht

"Das mächtige Gebäude, das die ganze Front der Gerichtsstraße einnimmt, macht einen durchaus imponierenden Eindruck; während man vor einigen Jahrzehnten in der Ausführung von Gerichtsgebäuden einen besondern Werth auf eine möglichst einfache, prunklose Gestaltung legte, ist man jetzt, und mit Recht, dazu gekommen, den ernsten, so düsteren Charakter des Gerichts durch eine lichtvolle, freundlich wirkende Fassade zu heben",
so schrieb der Berichterstatter des Wiesbadener Generalanzeigers vom 03.04.1897. Man hatte als repräsentativen Stil für das Gebäude die deutsche Frührenaissance mit gotischen Anklängen gewählt.

Bereits die Außenfassade des Gerichtsgebäudes zeigt eine wohlproportionierte Aufteilung von Hauptbau und Seitenflügeln sowie eine Vielzahl schmückender Details, die zunächst gar nicht wahrgenommen werden und erst nach einer intensiveren Beschäftigung mit dem Gebäude entdeckt werden können.
"Man kann sich bei dem Anblick des Prachtbaus des Bedauerns nicht erwehren, daß derselbe nicht an einem freien Platz, für den die Fassaden eigentlich entworfen sind, steht, sondern an verhältnismäßig engen Straße, wo die Fassaden nicht zur vollen Wirkung kommen können."

In der Mitte der über 91 Meter langen Hauptfront zur Gerichtsstraße hin treten zunächst der Zugang zum Gebäude als Mittelrisalit aus der Bauflucht hervor, ebenso an den beiden Seitenflügeln, die sich mit einer Länge von ca. 40 Metern an der Oranien- bzw. Moritzstraße erstrecken.

Der Mittelrisalit wird von einem Renaissancegiebel mit Schweifwerk bekrönt, das mit Obelisken reich geschmückt ist. Auch die Seitenrisalite werden ebenfalls durch Giebel besonders hervorgehoben, die jedoch im Gegensatz zum Hauptgiebel nicht die gesamte Breite des Flügels einnehmen.
Über dem Haupteingang befinden sich drei betont große Fenster mit Dreiecksgiebeln, hinter denen sich der Schwurgerichtssaal befindet. Der Hauptgiebel selbst wird von zwei Treppentürmen begleitet, die jeweils als Abschluss eine sogenannte Laterne tragen. Sie sind rechts und links neben dem Haupteingang durch zwei Eingänge zugänglich und führen in die entsprechenden Strafkammersäle.
Auch in den Fensterrahmen aus rotem Mainsandstein zeigt sich der gelungene Versuch, die relativ großflächige Fassade durch eine Vielfalt an Formen zu beleben, denn in jeder Etage sind andere Formen für die Fensterrahmen gewählt worden. Auch das Sockelgesims aus rotem Sandstein ist mit Polsterquadern versehen.
Dadurch, dass das Gebäude zur Oranienstraße hin ansteigt, hat die Fassade zur Moritzstraße hin ein Stockwerk mehr als die zur Oranienstraße.

Der Mittelbau der Hauptfront ist mit viel bildnerischem Schmuck versehen worden, durch den im einzelnen Begriffe verkörpert werden, die mit der Rechtspflege in unmittelbarem Zusammenhang stehen. Leider kann man diese Vielfalt des Fassadenschmuckes nur aus den Wohnungen der gegenüberliegenden Häuser richtig wahrnehmen.
Schon die Sandsteinbegrenzungen der Freitreppe zum Haupteingang trägt an den Wangen Hohenzollernschilde.

Justitia

Über dem großen Eingangsportal ist der Kopf der Justitia mit der Binde über den Augen, darüber die Symbole der Rechtspflege, Waage und Schwert, angebracht. Darüber ist heute noch ein Spruchband zu erkennen. Hier befand sich früher die Inschrift "Königliches Land- und Amtsgericht". Die Schrift wurde dann herausgeschlagen, als es keine "königlichen" Gerichte mehr gab.

Männerköpfe

Aus den Dreiecksgiebeln über den drei Fenstern des Schwurgerichtssaales blicken drei Männerköpfe mit charakteristischen Kopfbedeckungen der Renaissance herab, die den Wehrstand, den Lehrstand und den Nährstand versinnbildlichen sollen.

Adler

Der hochaufstrebende Giebel des Mittelbaues wird von einem preußischen Adler bekrönt, darüber ist die Jahreszahl der Fertigstellung 1896 und Steinmetzwerkzeug angebracht. An den beiden Seitenflügeln nach der Gerichtsstraße zu befinden sich unter dem Hauptgesims als Schlussstein der obersten Fenster je ein Medusenhaupt. Auch über der eigentlichen Eingangstüre, deren Gewände spitzbogig zusammenlaufen, begegnet uns erneut ein preußischer Adler mit weiten Schwingen.

Treppenaufgang

Betritt man das Gebäude, so gelangt man zunächst in eine Eingangshalle mit einem reich ausgestatteten Vestibül, in dem sich, genau wie heute, rechts und links Logen für Portiers befanden. Der Treppenaufgang führt in die eigentliche Vorhalle, die von acht mächtigen Pfeilern aus rötlichem schwedischem Granit, die ihrerseits auf Sockeln aus schwarzem nassauischem Marmor stehen, getragen wird. Von hier gehen links und rechts hohe Korridore ab, die zu den Gerichtssälen für größeren Publikumsverkehr führen. Wohl die wenigsten haben bisher den Schmuck der Kapitäle dieser mächtigen Säulen gesehen. "Auch sie zeigen das Bestreben des Baumeisters, in den Verzierungen Symbole auszudrücken". Sie sind mit Adlern und Eulen, die ihre Schwingen ausbreiten, verziert und sollen Stärke und Weisheit ausdrücken.

In einer ersten Beschreibung des Gebäudes kurz nach der Fertigstellung heißt es:
"Die löbliche Absicht, hier dem Charakter und der Würde des Hauses entsprechenden Ausdruck zu geben, in Jedem, der das Haus betritt, eine friedlich-ernste Stimmung zu erwecken, ist voll und ganz erreicht".

Von der Eingangshalle führt eine breite Treppe zum ersten Stock, die sich bei einem Treppenabsatz nach rechts und links teilt und dann zum Schwurgerichtssaal führt und von dort aus zum zweiten Stockwerk weiterführt. Das Treppengeländer stammt aus schwarzem nassauischem Marmor sowie aus gelbem französischem und weißem dalmatinischen Kalkstein.

Balustrade 

Die Balustrade im zweiten Geschoss zum Treppenaufgang hin trägt das Wiesbadener Lilienwappen sowie darunter ein Maskeron. An der Decke hoch über dem zweiten Treppenabsatz schwebt erneut ein großer Reichsadler in einem Medaillon. In der Mitte der Decke des Treppenhauses im zweiten Obergeschoss befinden sich die Wappen der Kunst, der Justiz (zwei Gesetzestafeln), des Krieger- und des Handwerkerstandes. Auch diese Decke, die reich kassettiert ist, wird von sechs mächtigen Granitsäulen getragen.
Die Wände und das Gewölbe des Aufgangs, die heute mit einer hellen Farbe angestrichen sind, waren ursprünglich mit "Malereien gewissen kirchlichen Charakters" versehen. Außerdem waren die Wände des Treppenaufgangs mit den Wappen der zum Landgerichtsbezirk gehörigen Städte versehen. Der "kirchliche Charakter" wurde einst noch durch die farbige Kathedralverglasung der großen, hohen Fenster verstärkt.

Mittelpunkt des Gebäudes bildete und bildet auch heute noch der Schwurgerichtssaal.
"Derselbe ist seinem Charakter entsprechend einfach, ernst gehalten; die Bänke für die Geschworenen tragen ein fast kirchliches Aussehen. Besonders praktisch ist die Zuführung des Angeklagten über eine besondere Treppe",
soweit wieder eine zeitgenössische Stimme.
Der große, über 200 qm umfassende Raum ist auch heute noch brusthoch mit Kassetten aus Eichenholz getäfelt. Aus diesem Holz sind auch die übrigen Einrichtungsgegenstände. Drei große Fenster an der nördlichen Saalwand, deren Gewände im Inneren mit Rundstäben verziert sind, geben dem Raum ausreichendes Licht. Der ausgedehnte Zuschauerraum ist durch eine Holzbarriere abgetrennt, war jedoch früher mit einfachen Holzbänken ausgestattet. Besonders reich ausgestattet ist die Renaissancekassettendecke aus Stuck mit angedeutetem Gebälk aus Stuccolustro.

Stuckdecke

Die Ornamente der Decke wurden vom Bildhauer C. Wagner zunächst modelliert, dann gegossen und erst dann an der Decke befestigt. Die einzelnen Kassetten sind mit dünneren und dickeren Rundstäben unterteilt, die selbst mit Blüten- und Blattwerkranken sowie Pinienzapfen verziert sind. Zu den Wänden hin wird die Decke mit Eierstabverzierungen begrenzt. Die größeren Kassetten in der Mitte für die Lampenaufhängungen sind besonders reich mit figurativem Blattwerk verziert.
Die Stirnwand hinter dem Richtertisch ist heute mit einem stilisierten großen hessischen Löwen geschmückt. Welche anderen staatlichen Hoheitszeichen im Laufe der Jahrzehnte hier angebracht waren, ist leider nicht bekannt. Da im Hause an verschiedenen Stellen noch heute preußische Adler vorhanden sind, ist davon auszugehen, dass sich auch im wichtigsten Saal des Hauses ein weiterer Adler befunden hat.
Die heute in heller Farbe gehaltenen Wände waren damals mit dunkleren Farbtönen in einer Art Teppichmuster versehen und sollten "eine, den dort gepflogenen Verhandlungen entsprechende, durchaus ernste Stimmung erwecken".

Der symmetrischen Außengliederung des Gebäudes entsprach auch eine symmetrische Gruppierung des Grundrisses. So war das Gebäude von vornherein als Land- und Amtsgericht erbaut worden und galt, wie die namentliche Erwähnung sowie die Aufnahme des Grundrisses im 7. Band von Meyers Großem Konversationslexikon von 1908 zeigt, als besonders gut gelungenes Beispiel:
"Die Räume des Amtsgerichts pflegen bei dieser Verbindung ins Erdgeschoß gelegt zu werden, ebenso die Zimmer der Untersuchungsrichter mit ihren Bureaus und einigen Zellen. Im zweiten Stockwerk finden die Staatsanwaltschaft, die im ersten Stock nicht unterzubringenden Bureaus des Landgerichts und die Zimmer für kommittierte Richter Platz".

Seitenansicht Oranienstraße

So war das neue Gebäude in zwei Teile eingeteilt. Links nach der Moritzstraße zu das Landgericht und die Staatsanwaltschaft, rechts zur Oranienstraße das Amtsgericht, wobei im Erdgeschoss die Gerichtskasse untergebracht war, heute noch kenntlich durch die Vergitterung. Das Gebäude hatte 116 Räume einschließlich der 7 Sitzungssäle.
Außer dem Schwurgerichtssaal waren die übrigen Sitzungssäle allerdings nicht so reich ausgestattet, waren aber alle mit der Büste des Kaisers geschmückt.

Die Zimmer des Landgerichtspräsidenten befanden sich bereits an der heutigen Stelle im ersten Obergeschoss. Im zweiten Obergeschoss darüber, heute Bibliothek, befanden sich die Dienst- und Empfangszimmer des Ersten Staatsanwalts sowie die gesamten anderen Diensträume der Staatsanwaltschaft.
Aller Räume waren mit Gasbeleuchtung versehen. Die Heizung war für die Säle Luftheizung. Die Fußböden waren der Feuersicherheit wegen "cementiert" und mit Linoleum versehen. Im Sockelgeschoss befanden sich die Räume für Heizungsanlage, Kohlenvorräte, Werkstätten, Reserveräume für Stockbücher sowie sieben Zellen. Zu den beiden Seiten der Durchfahrt aus der Moritzstraße waren die Wohnungen der beiden Kastellane sowie eine Wohnung für einen Heizer untergebracht.

Seitenansicht Moritzstraße 

Neben dem Haupttreppenhaus existierten in den beiden Flügelbauten noch je ein weiterer Treppenaufgang. Bemerkenswert ist, dass das Geländer des Treppenhauses zur Moritzstraße hin handwerklich weit besser ausgearbeitet ist, als das Geländer im anderen Treppenhaus. Die beruht darauf, dass früher das Publikum das Gebäude auch von dem Eingang Moritzstraße her betreten konnte.

Suum Cuique

Über der Durchfahrt von der Moritzstraße zum Hof können wir auch heute noch einen weiteren Reichsadler mit Schwert und Liktorenbeil entdecken sowie den Schriftzug "SUUM CUIQUE".
In der weiteren Raumaufteilung von 1897 finden wir auch mehrere Wartezimmer für Zeugen und Parteien, die jedoch bald der weiteren Ausdehnung der Gerichte weichen mussten.

"Allgemeine Zufriedenheit herrscht unter den Beamten über die schönen, gesunden und bequem eingerichteten Arbeitsräume, aber auch das Publikum wird die vielen Annehmlichkeiten, welche dies der Neuzeit entsprechend eingerichtete Gebäude bietet, alsbald empfinden und zu schätzen wissen".
Insgesamt betrugen die Baukosten 840.000 Mark, hinzu kamen noch 50.000 Mark für den Grunderwerb.
"So darf man sagen, daß die beteiligten Baumeister die ihnen gestellte Aufgabe einer glücklichen Lösung entgegengeführt und ein würdiges, der Stadt zur Zierde gereichendes Justizgebäude geschaffen haben",
so schloss der Reporter des Wiesbadener Tagblatts seinen Bericht über das neue Justizgebäude.

zurück zu "Die Gerichtsgebäude"

© 2017 Landgericht Wiesbaden . Mainzer Straße 124, 65189 Wiesbaden